Menschenversuche mit Antidepressiva

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Roland Kuhn (1912 – 2005), der berühmte Schweizer Psychiater und „Erfinder“ der Antidepressiva, hat massiv für seine Forschungen Menschenversuche durchgeführt.

An der Klinik in Münsterlingen probierte er an mehr als 1.600 Menschen seit den 1950er Jahren unter ethisch fragwürdigen Bedingungen seine Medikamente aus – in der Regel ohne Wissen oder gar Einwilligung der Patienten.

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Behörden und Ärzte waren informiert

Als skandalös erscheint aus Sicht des Jahres 2014 – erstmals liegt eine ausführliche Untersuchung über die Kuhn-Experimente vor -, dass Schweizer Behörden und andere Ärzte innerhalb und außerhalb der Klinik durchaus über Kuhns Experimente informiert waren. Initiator war offensichtlich die Basler Pharmaindustrie, die auf neue Blockbuster unter den Antidepressiva hoffte. Mindestens 23 Todesfälle zwischen 1954 bis 1957 sind dokumentiert, die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Wie genau die Betroffenen zu Tode kamen, ist ungeklärt, es könnte sich um Organversagen, aber auch um Selbstmorde gehandelt haben. Überlebende Patienten können sich heute nicht mehr detailliert an die Klinikzeit erinnern, leiden aber unter Panikattacken und Albträumen.

Tests auch an Schwangeren

Die Auftraggeber der Testreihen waren Pharmakonzerne wie der Novartis-Vorgänger Ciba-Geigy AG, die tatsächlich ab 1958 Antidepressiva aufgrund von Kuhns Experimenten auf den Markt bringen konnten. Doch Kuhn war medizinisch hohe Risiken eingegangen und hatte unter anderem einen Stoff, der unter der Testreihe G22355 lief, an depressive Schwangere verabreicht. Die Gesetzeslage verschärfte sich allerdings ab den frühen 1960er Jahren, auch die wissenschaftlichen und ethischen Ansprüche stiegen. Roland Kuhn soll die Anforderungen verhöhnt haben, er lehnte Reglementierungen ab. Noch 1988 forderte er Kollegen auf, scharfe Kontrollen zu umgehen und mit den früheren „bewährten“ Methoden weiterzuforschen.

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